Galeriebrief 2/2017

28. April bis 8. Juli 2017

Giorgio Griffa (*1936) | Werke 1972 – 1983

Werke: Courtesy of the artist and Casey Kaplan, New York
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Fahrten nach Mailand und dann weiter nach Turin, diese Destinationen wurden Anfang der siebziger Jahre zum Schwerpunkt unserer Auslandreisen und mindestens für ein weiteres Jahrzehnt sollte dies so bleiben. Zumeist fanden die Besuche an Wochenenden statt, oft einmal oder zweimal in einem Monat. Mailand war Standort einiger Galerien, die der aktuellen Kunstszene wichtige Impulse zu geben vermochten. Auch in Turin zeigten legendäre Galerien neue und innovative Arbeiten von Künstlern der italienischen und der internationalen Avantgarde. Wohlgemerkt war damals der Begriff ‹Avantgarde› eine präzise und respektable Bezeichnung, der eine überschaubare Anzahl von Künstlern zugerechnet wurde; von Künstlern, die mit bahnbrechenden Erfindungen Aufmerksamkeit erregten. Dieser vitalen Minderheit galt unser volles Interesse und wir waren stolz darauf, dass die Tätigkeit unserer Avantgarde-Galerie einige dieser besonderen Persönlichkeiten dazu bewegte, für uns eine Ausstellung zu konzipieren.

Turin war die italienische Stadt, in der viele der Künstler lebten und arbeiteten, die wir unbedingt in Zürich zeigen wollten. Für 1973 war es uns dann tatsächlich möglich, Ausstellungen mit Giorgio Griffa, Marco Gastini und Giulio Paolini zu vereinbaren und 1977 begann die Zusammenarbeit mit Mario Merz. Selbstverständlich blieb es nicht bei einer Beschränkung auf italienische Künstler aus Turin. Auch von Vincenzo Agnetti, Alighiero Boetti, Paolo Icaro, Jannis Kounellis, Claudio Parmiggiani, Michele Zaza und Emilio Vedova präsentierten wir ab 1974 eine oder mehrere Einzelausstellungen. Für jeden Aufenthalt in Turin mussten die zahlreichen Verabredungen geplant und eingeteilt werden. Die verfügbare Zeit war knapp bemessen und doch wollten wir jedem unserer Künstlerfreunde unsere volle Aufmerksamkeit widmen.

Mit Giorgio Griffa trafen wir uns für gewöhnlich am Sonntagmorgen zur ‹Studio Visite›. Die sonntägliche Ruhe der Industriemetropole verband sich mit der Ruhe im grosszügigen Arbeitsraum des Malers. Eine deutliche Erinnerung an die Stunden, die wir mit Giorgio in seiner Werkstatt verbrachten, ist uns bis heute gegenwärtig. Die Beobachtungen, die den besten Zugang zu seinem Schaffen vermittelten, sollen deshalb in der entsprechenden Zeitform wiedergegeben werden.

Die Farbbehälter, die Arbeitsutensilien, die verschieden beschaffenen Leinwände und die Farbreste auf dem Fussboden und an den Wänden lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier ein Maler seine intensive Tätigkeit entfaltet. Dass sich jedoch keine bespannten Chassis an den Wänden stapeln ist ein Hinweis darauf, dass dieser Maler den Konventionen des Metiers etwas entgegenzusetzen, oder aber einer grossen Tradition etwas anzufügen hat. Einige der oft grossformatigen Tücher hängen an den Wänden, nur an der oberen Kante mit feinen Metallstiften befestigt. Die gut sichtbaren Faltungen erinnern an die Quadrierung, wie sie Künstler seit der Antike bis ins 20. Jahrhundert zumeist auf den Vorzeichnungen zu ihren Bildwerken anbrachten. Die Zeichen, die gleichsam wie Geschriebenes auf die dichten oder transparenten Stoffbahnen aufgetragen sind, verbinden sich mit dem Bildträger, genauso, wie die regelmässigen Falten als wichtiger Teil dieses Bildträgers fungieren und zugleich auf eine weitere, frühere oder spätere zusätzliche Verwendung der Leinwand hinweisen. Verschiedene Pinsel oder Schwämme sind die Arbeitsgeräte des Malers, der offenbar die Leinwände auf dem Fussboden bearbeitet. Sie ermöglichen ihm eine reiche Differenzierung der Farbspuren und er kann von Werk zu Werk seine Mittel auf verschiedene Weise einsetzen. Eine gewisse Kohärenz der Zeichen in jeder einzelnen Arbeit ist aber intendiert, ohne dass dabei Monotonie und Wiederholung zum Grundzug der Werkentwicklung erhoben würde. Vielmehr ist eine Ordnung der Fläche, eine Ordnung des Raumes und eine Ordnung der Zeit lesbar, sichtbar und spürbar.

Bei den Werkgruppen, die in den siebziger Jahre entstanden sind, ist die Linie das dominante Bildelement. Eine Gesamtkomposition ist nicht beabsichtigt. Vielmehr beginnt das kontinuierliche und gleichsam provisorische Bildgeschehen zumeist am linken, oberen Bildteil und bricht nach einer Anzahl Zeilen ab, einem Brief vergleichbar, der nicht zu Ende geschrieben wurde.

Der Eindruck, dass Giorgio Griffa Sprache und Schrift in besonderem Masse vertraut und wichtig sind, vertieft sich, sowohl bei der Betrachtung der Werke, wie beim Gespräch mit dem Künstler. Seine luziden Gedanken und Bemerkungen zur Kunst, zu seiner Malerei und zur Figur des Künstlers – die öfters publiziert wurden – sind denn auch der beste Kommentar zu seinem Schaffen. Auch haben ihn die Dichter und die grosse Poesie der Weltliteratur lebenslang begleitet. Abschliessend diese Zeilen von Giuseppe Ungaretti: «Eterno – Tra un fiore colto e l’altro donato  /  l’inesprimibile nulla» (Ewig – Zwischen einer gepflückten Blume und der andern geschenkten  /  das unaussprechbare Nichts).

Es freut uns sehr, dass wir diese Ausstellung hier ankündigen dürfen. Ihr Fokus liegt auf den Arbeiten der siebziger Jahre. Dies hat mit unseren Ausstellungen von 1973, 1975, 1978 und 1981 zu tun. Wir hoffen, dass wir bald die Fortsetzung dieser wichtigen Arbeitsphase zeigen können. Der Casey Kaplan Gallery in New York und dem Künstler danken wir dafür, dass diese bedeutende Schau in Zürich stattfinden kann.

Ausstellungen

Sol LeWitt (1928–2007)
A Wall Drawing Retrospective

Yale University Art Gallery and Williams College Museum of Art
16. November 2008 – 2033